Beraterinnen Gabriele Punke und Veronika Schreiber vor der Caritas in Meiningen
Manchmal beginnt Integration mit einem Stapel Papier
Als Amir zum ersten Mal den Jugendmigrationsdienst in Meiningen betritt, trägt er eine Mappe unter dem Arm. Darin stecken Schreiben vom Jobcenter, Formulare und Bescheide. Amir ist 18 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Sein Deutsch reicht für einige Sätze, die Briefe versteht er nicht. Seine erste Frage ist deshalb nicht: Wie kann ich in Deutschland eine Zukunft aufbauen oder in die Schule gehen? Sie lautet: Wann bekomme ich Geld?
So beginnen viele Beratungen. Bevor über Ausbildung, Beruf und Integration gesprochen werden kann, muss der Lebensunterhalt gesichert sein. Die Beraterin öffnet mit Amir die Mappe. Wo die Verständigung schwierig wird, hilft ein Übersetzungsdienst am Telefon. Was will das Jobcenter wissen? Welche Nachweise fehlen? Was muss unterschrieben werden? Bis wann müssen die Unterlagen zurückgeschickt werden?
Nicht alles lässt sich beim ersten Treffen klären. Ein neuer Termin wird vereinbart. Amir kommt wieder. Mal bringt er einen anderen Brief mit, mal geht es um seine Unterkunft oder einen Antrag. Die Beratung richtet sich danach, was gerade notwendig ist.
Aus Terminen wird Vertrauen
Nach und nach geht es um mehr als Formulare. "Was möchtest du in Deutschland machen?", fragt die Beraterin eines Tages. "Arbeiten", antwortet Amir. Aber welcher Beruf könnte zu ihm passen? Was hat er gelernt, welche Schule besucht, welche Erfahrungen gesammelt? Die Beraterin arbeitet Biografie orientiert. Gemeinsam schauen sie auf Amirs bisherigen Lebensweg, Stück für Stück. Bei einem Termin erzählt Amir von seiner Schulzeit. Bei einem anderen erwähnt er, dass er unterwegs gearbeitet hat. "Was hast du gearbeitet?" "Schuhe", sagt Amir. Später erzählt er von einer Schuhfabrik. Er kennt Materialien und Werkzeuge und kann gut mit den Händen arbeiten.
Solche Fähigkeiten stehen in keinem deutschen Zeugnis. Viele junge Menschen bringen Erfahrungen mit, für die es keinen formalen Abschluss gibt. Andere konnten nur wenige Jahre eine Schule besuchen. Beratung bedeutet deshalb auch herauszufinden: Was bringt jemand mit - und was lässt sich daraus entwickeln?
Manche Geschichten brauchen Zeit
Lange weiß die Beraterin nicht, was Amir auf seinem Weg nach Deutschland erlebt hat. Auch das ist typisch. Die schweren Geschichten kommen selten in den ersten Gesprächen. Manchmal erzählen junge Menschen erst nach fünfzehn oder sechzehn Begegnungen von Verlust, Gewalt, Flucht oder ihrer zurückgebliebenen Familie. Auch Amir beginnt irgendwann, mehr zu erzählen. Die Beraterin hört zu und drängt nicht. Vertrauen entsteht über viele Begegnungen, weil jemand erlebt, dass da eine Person ist, die zuhört, erklärt und beim nächsten Problem wieder da ist.
Mit der Anerkennung beginnt ein neuer Abschnitt
Währenddessen läuft Amirs aufenthaltsrechtliches Verfahren. Der Jugendmigrationsdienst begleitet und hilft ihm, Schreiben und Abläufe zu verstehen. Als sein Aufenthaltsstatus schließlich geklärt ist, weiß Amir: Er kann bleiben. Nun rücken andere Fragen in den Vordergrund: Wo kann er wohnen? Wie kann er sein Deutsch verbessern? Und welche berufliche Perspektive gibt es? Amir beginnt einen Sprachkurs und kommt in dieser Zeit seltener in die Beratungsstelle. Er lernt andere Menschen kennen, sein Deutsch wird besser, er wird selbstständiger. Wenn ein wichtiger Brief kommt oder ein Antrag unverständlich ist, meldet er sich wieder. Die Beratung bleibt im Hintergrund erreichbar.
Was kommt nach dem Sprachkurs?
Nach einiger Zeit geht es um Amirs berufliche Zukunft. Jetzt ist wichtig, dass die Beraterin seine Geschichte kennt. Sie weiß von seiner Schulzeit und von der Schuhfabrik. Sie weiß, dass ihm praktische Tätigkeiten liegen. Gemeinsam überlegen sie: Muss Amir einen Schulabschluss nachholen? Ist eine Berufsvorbereitung sinnvoll? Kommt eine Ausbildung infrage? Welcher Beruf könnte zu ihm passen?
Dabei hilft das Netzwerk des Jugendmigrationsdienstes. Kontakte zu Schulen, Bildungsträgern, Behörden und Arbeitgebern können Wege eröffnen. Die Beraterin entscheidet nicht für Amir, sondern erklärt Möglichkeiten, stellt Kontakte her und unterstützt ihn dabei, seinen eigenen Weg zu finden. Schließlich kann Amir einen handwerklichen Betrieb kennenlernen. Er macht ein Praktikum. Die Fachbegriffe sind schwierig, die Arbeitsabläufe ungewohnt. Amir muss den Betrieb kennenlernen und der Betrieb Amir. Nach einiger Zeit zeigt sich: Die praktische Arbeit liegt ihm. Und er will lernen.
Aus Begleitung wird Selbstständigkeit
Mehr als zwei Jahre nach seinem ersten Besuch kommt Amir wieder in die Beratungsstelle. Dieses Mal hat er keine Mappe voller Jobcenter-Unterlagen dabei. Er braucht auch keinen Antrag. Er möchte erzählen, dass er einen Ausbildungsplatz bekommen hat. Für die Beraterin ist das ein besonderer Moment. In ihm werden die vielen Schritte sichtbar, die vorher notwendig waren: Existenzsicherung und Behördenbriefe, Begleitung im aufenthaltsrechtlichen Verfahren, die vielen Gespräche und die biografische Arbeit, Sprachkurs, berufliche Orientierung, Kontakte zu Netzwerkpartnern und schließlich das Praktikum. Den Weg gegangen ist Amir selbst. Damit ist die Beratung nicht zwangsläufig beendet. Vielleicht braucht er später Unterstützung bei der Wohnungssuche oder während der Ausbildung. Vielleicht geht es irgendwann um seine Familie.
Integration ist ein langfristiger Prozess, und auch der Unterstützungsbedarf verändert sich.
Am Anfang stand eine Mappe mit Papieren und die Frage: "Wann bekomme ich Geld?" Später kamen andere Fragen hinzu: Was kann ich? Was möchte ich lernen? Welcher Beruf passt zu mir? Wie kann mein Leben hier aussehen?
Amir braucht die Beraterin heute nicht mehr für jeden Schritt. Und vielleicht liegt genau darin einer der größten Erfolge ihrer Arbeit.
Text und Bild: Thomas Müller, Caritas Erfurt
Termin: Die Festveranstaltung zum Jubiläum findet am 23.09.2026 von 10-12 Uhr in der Caritas Meiningen statt.
Rückfragen an: Gabriele Punke. 03693 442215
www.caritas-bistum-erfurt.de